Der tägliche Wahnsinn

Der tägliche Wahnsinn erzählt von meinem Leben, von seinen Höhen und Tiefen und von all den Gedanken, die keinen Platz im Gespräch mit anderen finden

 

Ich bin ohne einen Menschen aufgewachsen, der wirklich für mich da war. Es gab niemanden, dem ich als Kind, als Jugendliche oder später als erwachsene Frau meine kleinen oder großen Sorgen hätte anvertrauen können. Dieses Gefühl, allein durch alles hindurchzugehen, hat sich wie ein roter Faden durch mein Leben gezogen.
Auch heute fehlt mir eine echte, tragende Kommunikation. Zwischen meinem Lebensabschnittspartner und mir bleibt vieles unausgesprochen. Ich habe anfangs versucht, Gespräche zu führen, Themen anzuschneiden, die mir wichtig sind. Doch wenn Worte ins Leere laufen, verstummen sie irgendwann. Also schweige ich.
Draußen, unter fremden Blicken, hört er zwar zu – aber dort spreche ich nichts an, was nicht für andere Ohren bestimmt ist. Und so bleibt es wieder still.
Schon als Kind habe ich begonnen aufzuschreiben, was mich bewegte. Lange Zeit war das Schreiben mein einziger vertrauter Ort. Es gab eine Phase, in der ich damit aufhörte, doch irgendwann fand ich zurück zu den Worten. Ich füllte dicke Kladden, Seite um Seite. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich nach der Schule an meinem Schreibtisch saß und kleine Geschichten erfand. Eine davon trug den Titel „Regentröpfchens Reise“.
Diese frühen Texte, voller Schreibfehler und kindlicher Fantasie, habe ich mein halbes Leben lang gehütet wie einen Schatz. Meine Mutter strich die Fehler rot an, wie eine Lehrerin – und trotzdem bedeuteten mir diese Hefte alles. Ich fürchte, sie sind beim Ausräumen des Speichers verloren gegangen.

Auch nicht alle Tagebücher existieren noch. Die, die geblieben sind, nutze ich jetzt, um Erinnerungen aufzufrischen. Danach werde ich sie verbrennen. Nicht jedes Detail meines Lebens ist für fremde Augen bestimmt – und vieles davon wäre für meine Kinder schlicht uninteressant. Sie müssen nicht alles lesen, was mich damals bewegt hat.

 

Ich führe auch einen Blog, eine Art öffentliches Tagebuch, in dem ich über meinen Alltag mit COPD und mein tägliches Befinden schreibe. Dort sammle ich Gedanken, Beobachtungen und Hinweise, die mir selbst im Umgang mit der Erkrankung geholfen haben. Für Interessierte gibt es zusätzlich Links zu fachlichen Beiträgen von Ärztinnen und Ärzten sowie zu Themen, die ich persönlich hilfreich fand.
Viele Menschen mit COPD haben sich zurückgezogen, bewegen sich kaum noch oder kämpfen mit alltäglichen Schwierigkeiten. Ich versuche, aus meiner eigenen Erfahrung heraus Impulse zu geben und Mut zu machen. Doch meine direkte Art scheint nicht bei allen gut anzukommen – besonders ältere Leserinnen und Leser greifen kaum darauf zu.
Wer dennoch Interesse hat, kann ein Passwort anfordern und mitlesen. Der Blog steht offen für diejenigen, die sich angesprochen fühlen.

Wir schreiben das Jahr 2025, Weihnachten liegt hinter uns.
Gesundheitlich geht es mir im Moment wieder besser. Ich hatte in den letzten Wochen einige Esssünden, und ein voller Magen drückt nun einmal auf das Zwerchfell – und damit auf die Lunge. Schon die Treppe in die erste Etage kann dann zu einer Herausforderung werden.
Mein ältester Sohn ruft regelmäßig an und fragt, wie es mir geht. Ich sage immer, dass alles in Ordnung ist. Ich bin kein Mensch, der klagt. Es hört ohnehin niemand wirklich zu oder nimmt mich ernst. Also trage ich vieles mit mir selbst aus. Schon früh habe ich eine Mauer um mich gebaut – hoch, fest, kaum zu überwinden.
Nur wenige Menschen haben sich jemals die Mühe gemacht, über diese Mauer zu schauen. Wer es tat, sah einen verletzlichen, sensiblen Menschen, der die Art von Liebe, die er sich wünscht, nie wirklich erlebt hat. Wenn die anfängliche Verliebtheit verfliegt und die Körperlichkeit zur Routine wird, bleibt bei mir oft nicht viel übrig. Kein in den Arm nehmen, kein liebevolles Wort. Genau das, was jeder Mensch braucht.
Ich brauche keinen Mann, der mich nur dann umarmt, wenn er etwas Bestimmtes will. Ich bin kein Objekt. Und ja, ich werde neidisch, wenn ich ältere Paare sehe, die liebevoll miteinander umgehen. Das scheint mir nicht vergönnt zu sein.
Es ist Weihnachten. Meine Tochter hat meinen WhatsApp‑Status gesehen, aber keine Weihnachtswünsche hinterlassen.
Mein Enkelkind, das mich seit Juli/August 2024 – nach unserem gemeinsamen Urlaub mit ihrem Vater – aus ihrem Leben gestrichen hat, hat sich ebenfalls nicht gemeldet. Ich habe ihr zum Geburtstag geschrieben, einen Brief und einen Gutschein geschickt. Zu Weihnachten wieder ein paar Worte und ein kleines Geldgeschenk. Keine Reaktion.

Ihre Mutter sieht meine Statusmeldungen, aber sie sagt nie: „Hast du mal an Oma gedacht?“ Oder „Hast du dich bedankt?“ Nichts. Ich erwarte keinen Dank, aber dieses Ignoriert werden tut weh. Wie lange ich noch versuche, den Kontakt aufrechtzuerhalten, weiß ich nicht. Irgendwann ist es zu spät – für mich, aber auch für meine Enkel.
Auch mein anderes Enkelkind, das Kind meiner Tochter, ignoriert mich. Und meinen Urenkel werde ich wohl nie kennenlernen.
Meine Tochter behauptete, sie habe über die Feiertage versucht, mich telefonisch zu erreichen. Hier hat nichts geklingelt. Ich bin noch nicht so alt, dass ich nicht unterscheiden könnte, ob das ein Spruch oder die Wahrheit ist.
Sie schickte dann drei kurze Sätze und ein Foto. Und als letzten Satz: „Liebe Grüße, Ruth.“
Ich dachte, ich höre nicht richtig. Dieser letzte Satz hat wehgetan. Wenn ich mit meinen Kunden schreibe, endet jede Nachricht mit „Liebe Grüße, Silvia“. Ich sieze meine Kunden nicht einmal.
Und dann frage ich mich wieder: Was habe ich in der Erziehung falsch gemacht.

Der einzige meiner Enkelkinder, der zu Festtagen ein liebes Wort für mich übrig hat, ist der Sohn meines zweiten Sohnes.
Und dieser Enkel – Pepe – wird mit seinen neunzehn Jahren bald großer Bruder, genauer gesagt Halbbruder. Es dauert zwar noch bis Juli 2026, aber ich freue mich jetzt schon sehr darüber. Auch wenn ich weiß, dass ich wohl kaum Kontakt zu dem neuen Familienmitglied haben werde. Acht­hundert Kilometer sind eine große Entfernung, und das Leben hält in meinem Alter selten Überraschungen bereit – zumindest keine guten.
Ja, mein Pepe. Wie kam er eigentlich zu seinem Namen?
Damals, in einem unserer Urlaube, gab es in dem kleinen Ort einen Fischer, mit dem mein verstorbener Mann nachts oft zum Fischen hinausgefahren ist. Er hieß Peppi – vermutlich ein Spitzname. Aus diesem Peppi wurde schließlich für meinen zweiten Sohn der Name Pepe. Eine kleine Erinnerung, die geblieben ist.